In ihrer Blogparade fragt Birgit Krüger nach einer Entscheidung, die wirklich etwas verändert hat. Diese fiel in einer Übergangsphase und war alles andere als zufällig.
Ich bin nicht mit der Sprache aufgewachsen, in der ich heute arbeite. Und Deutsch war lange nicht mein sprachliches Zuhause, sondern ein ewiges Suchen nach der, die oder das. Eine Baustelle, eine Stolperfalle, ein Hadern mit klobig wirkenden Sätzen. Heute schreibe ich beruflich UX-Texte, und zwar genau in dieser Sprache. Wichtigstes Ziel dabei? Die Klarheit.
Warum ich mich für Deutsch entschied
Eine Entscheidung, die wirklich was in meinem Leben verändert hat, war sprachlich. Ich stellte das Schreiben in den Mittelpunkt meiner Arbeit, und zwar auf Deutsch. Nicht, weil es meine Muttersprache wäre – sondern gerade, weil sie es nicht ist. Es ist die Sprache, die mich am meisten herausfordert. Weil sie mich zwingt, langsamer zu denken und genauer hinzusehen.
Deutsch war die dritte Sprache, die ich gelernt habe, und zweifellos die widerspenstigste. Lange habe ich gezögert, ob ich mir diese Sprache auch beruflich wirklich zumuten will. Denn ich wusste, was mir bevorsteht: Fälle, Artikel, Satzkonstruktionen, die sich weigern, mit Leichtigkeit daherzukommen. Und immer ein gewisser Druck, „korrekt“ zu sein sowie das persönliche Ziel, aktive Verben nicht erst am Satzende zu verbuddeln. Auch wenn das nicht immer gelingt, wie man sieht.
Die bewusste Entscheidung? Ein Prozess.
Als ich mich beruflich mit dem Schreiben neu aufstellte, rang ich eine ganze Weile mit der Frage: Englisch? Deutsch? Oder beides? Englisch fühlte sich vertrauter an, ich hätte mit weniger Anstrengung weitermachen können. Was mich an Englisch besonders begeistert? Wie leicht sich damit spielen lässt.
Doch eines Morgens war klar: Ich will auf Deutsch schreiben und in meiner Schreibe so viel Leichtigkeit wie möglich einbringen, egal in welchem Kontext.
Denn Deutsch zwingt mich, präzise zu sein. Ich muss mehr prüfen, hinterfragen und neu denken. Ich kürze mehr als früher. Ich verwerfe mehr. Und genau das macht meine Texte besser. Wer nicht mit der Sprache aufgewachsen ist, sieht andere Dinge. Hört Unstimmigkeiten schneller. Und stolpert über jedes Wort, das nicht trägt. Diese Reibung ist mein Vorteil.
Wo Reibung ist, da ist Energie.
Da ist Wachstum.
Da entsteht Klarheit.
Deutschland gilt weltweit als Land der Dichter und Denker. Ich finde bis heute, dass davon im Alltag wenig zu spüren ist. Das hat sicher seine Gründe und vielleicht mehr mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun hat, als vielen lieb ist. Mit Englisch als Muttersprache ist mir eins jedenfalls in die „sprachliche Wiege“ gelegt worden: ein Gefühl für aktive Verben und dynamische, verspielte Sätze, die dennoch mit Leichtigkeit und Klarheit punkten. Ich nahm mir vor: Genau diese Leichtigkeit will ich in meine deutsche Sprache bringen. Das ist das Fundament, auf dem diese Entscheidung steht.
In der Wohlfühlzone angekommen: UX Writing, auf Deutsch
Heute geht mir leicht von der Hand, was mir früher nur mit Mühe und Fokus gelang. Ich schreibe auf Deutsch – und mit dem Bewusstsein, dass mir etwas gelingt, das nicht selbstverständlich ist. Denn ich bin durch und durch bilingual. Und das ist ein Vorteil. Für mich, aber auch für meine Kunden.
Dabei lote ich immer wieder die Grenze aus: Wie viel Leichtigkeit und spielerischen Ton verträgt ein Text, ohne dass die Klarheit leidet?
Denn auch wenn ich nicht auf Englisch texte, begleite ich unter anderem auch Projekte, in denen sämtliche Comms auf Englisch laufen. Dabei kommt mir zugute, dass ich nicht nur sprachlich sicher bin, sondern auch ein feines Gespür für kulturelle Unterschiede mitbringe. Das schätzen besonders Teams aus englischsprachigen Ländern, und ich selbst genieße die Zusammenarbeit sehr. Denn sie ist nebenbei eine wunderbare Gelegenheit, auf Englisch zu reden.
Heute arbeite ich als UX Writer, auf Deutsch, immer nah an Planung und Konzeption. Davor gab es Stationen als Texterin, Online-Redakteurin und Übersetzerin, jeweils mit starkem Fokus auf Struktur, Nutzerführung und Sprache.
UX-Texte haben eine andere Aufgabe als etwa Werbetexte. Sie müssen verständlich, klar und hilfreich sein. Nicht witzig oder originell, sondern zielführend. Und immer nur so viel wie nötig. Flufflos, sozusagen.
Gerade bei solchen Texten entscheiden feine Nuancen darüber, ob etwas funktioniert oder eben nicht. Und weil Deutsch nicht meine erste Sprache ist, habe ich ein besonders feines Gespür für Verständlichkeit. Ich merke schnell, wo Menschen stolpern könnten. Und ich weiß, wann ein Satz zu viel will und besser einfacher wäre.
Lokalisierung? Weit mehr als nur übersetzen
Neben dem Schreiben für deutschsprachige Produkte gehört auch die Lokalisierung zu meinem Berufsalltag – also die sprachliche und kulturelle Anpassung englischsprachiger Inhalte in Tech-Produkten. Auch hier gilt: Klarheit ist das Maß der Dinge. Und Kürze. Denn Deutsch ist in der Regel etwa 30 Prozent länger als Englisch und Benutzeroberflächen sind enorm begrenzt.
Dabei geht es nicht nur um Sprache, sondern um kulturelle Feinheiten und das jeweilige Nutzerverständnis. Mein Hintergrund gibt mir ein gutes Gespür für diese Nuancen. Und dafür, was über die reine Übersetzung hinaus angepasst werden muss, damit Inhalte für deutschsprachige Nutzende stimmig und verständlich sind.
Besonders deutlich wird das bei textlichen Produktdetails oder rechtlichen Hinweisen. Was im englischen Original vielleicht beiläufig klingt, muss im Deutschen oft viel ausführlicher, formeller oder präziser formuliert werden. Gerade bei Themen wie Haftung ist die wörtliche Übersetzung keine Option. Hier braucht es Fingerspitzengefühl, kulturelles Gespür – und den richtigen Riecher dafür, wann besser ein Rechtsanwalt mit ins Boot geholt wird.
Fazit: Nie bereut
Ich habe mich bewusst für Deutsch entschieden. Nicht, weil es leicht ist, sondern weil es mir mehr abverlangt. Gerade weil es nicht meine erste Sprache war, ist es die, in der ich am klarsten denke und schreibe.
Diese Entscheidung hat meine Schreibe verändert und meinen Blick auf die Sprache. Ich liebe inzwischen die Klarheit, die Deutsch mit sich bringt. Die zur Kultur gehörende Direktheit, die mich früher irritierte, ist heute Teil meines Stils. Denn UX Writing lebt nicht von Worten allein, sondern von Klarheit, Präzision und einem klaren Standpunkt.

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3 Kommentare zu „UX Writing in der Sprache, die mich fordert“
Pingback: Birgit Krüger - Focusing Coaching & Training - 9 Lebensgeschichten, in denen hinterher alles anders war als vorher (Zusammenfassung der Beiträge zu meiner Blogparade)
Liebe Inge,
ich liebe diesen Satz: „Weil sie mich zwingt, langsamer zu denken und genauer hinzusehen“. Vielleicht sollten wir alle auf Sprachen umstellen, die nicht unsere Muttersprache sind. Langsamer werden und genauer hinschauen ist sooo wertvoll!
Hatte mich gefragt, warum du diesen Schritt gegangen bist. Wie schön, dass es so einen wertvollen Grund dafür gibt.
Herzliche Grüße
Birgit
Toll, dass du genau an dem Satz hängen geblieben bist, liebe Birgit. Dieses „langsamer denken, genauer hinschauen“ hat wirklich was für sich. Und ja, vielleicht bräuchten wir alle gelegentlich eine Sprache, in der wir nicht so automatisch funktionieren. Für einen Schnack auf Englisch bin ich natürlich jederzeit zu haben 😉
Herzliche Grüße
Inge