Wir müssen reden. Oder besser gesagt: Wir müssen Feedback geben und nehmen. Die Überarbeitung gehört zum Schreiben dazu. Immer. Das gilt für einen Blogartikel genauso wie für ein Buch. Für eine Pressemitteilung genauso wie für UX* Writing innerhalb einer Website oder App. Wie du diese Kunst meisterst, ohne dass jemand in Deckung gehen muss? Das erfährst du hier.
*Wer sich fragt, was UX überhaupt ist, findet in diesem Blogartikel Antworten und anschauliche Beispiele:
Warum ist Feedback wichtig?
Wer schreibt, ist kreativ, aber zuweilen auch „textblind“. Wir können nicht immer treffend einschätzen, wie gut die eigenen Texte sind. Ob die Wortwahl gelungen ist, die Chronologie stimmt, der rote Faden sich konsequent durchzieht und die Inhalte verständlich sind. Ein Text wird auch nicht in einem Rutsch fertig. Nach der Rohfassung wird er mehrfach überarbeitet. Das Schreiben ist ein iterativer Prozess.
Wohl dem, der dabei einen Blick von Außen auf seinen Text bekommt und dessen Gegenüber sich die Zeit nimmt, Feedback zu geben. Denn wer einen Text zum ersten Mal liest, deckt oft Schwachstellen auf.
Wer schreibt, sollte lernen, mit Kritik umzugehen, und zwar aus beiden Perspektiven. Feedback zu geben und anzunehmen, sind jeweils eine Kunst für sich. Beides verbessert nicht nur die eigenen Schreibfähigkeiten, sondern auch das kritische Denken. Beim Geben schärfst du deinen Blick und die Art, wie du kommunizierst. Insbesondere, wenn es um konstruktive Kritik geht. Und beim Nehmen bekommst du Handfestes, mit dem du deinen Text bzw. Produkt klarer und besser gestalten kannst. Basis dafür ist allerdings das Loslassen. Oder wie es Stephen King sagt: „Kill your darlings, kill your darlings, even when it breaks your egocentric little scribbler’s heart, kill your darlings.“
Grundsätzliches vorab: Die wertschätzende Haltung
Feedback soll verbessern – aber es geschieht nicht zwischen Maschinen, sondern zwischen Menschen. In jedem Text steckt Hirnschmalz, Herzblut und Kreativität. Konstruktive Kritik trifft also zwangsläufig auch die Denkweise dahinter.
Das heißt nicht, dass wir uns Samthandschuhe anziehen sollen oder in Watte packen müssen. Im Gegenteil: Klare, konstruktive Kritik hilft, den Text und auch die Schreibe zu verbessern. Doch der Ton macht die Musik und eine achtsame Haltung ist dienlich. Zudem variiert die Art des Inputs: Ein Neuling profitiert eher von Rückmeldung zur Struktur, ein Profi von Rückmeldung zum Inhalt. Wer das berücksichtigt, sorgt dafür, dass Feedback ankommt, statt abzuprallen.
Das 1×1 des „Feedback-Knigges“
Als Feedback-Geber: „Wenn du nichts Nettes zu sagen hast, sag lieber gar nichts“ – dieser Spruch ist in diesem Kontext nutzlos. Kritisches Feedback muss sein, aber eben höflich und achtsam verpackt. Starte mit etwas Positivem und sei ehrlich dabei – sei es die Struktur, der Stil oder das Thema. Die wertschätzende Haltung sollte für dein Gegenüber fühlbar sein, die eventuelle Kritik darin eingebettet. Denn Feedback kann verletzen. Der Elefant im Porzellanladen will keiner sein, oder? Wer einfach nur mit Kritik lospoltert, darf sich auf keine Antwort einstellen.
Als Feedback-Empfänger: Bedanke dich – selbst wenn das Feedback auf den ersten Blick nicht brauchbar scheint oder dein Ego aufheult. Jemand hat sich Zeit genommen, deinen Text zu lesen und seine Gedanken zu formulieren. Das verdient einen Dank. Schaue dir die einzelnen Kritikpunkte an. Nutze das, was dir dienlich ist. Manchmal liegen Schätze darin verborgen, die dich mit deinem Text weiterbringen.
Konstruktive Kritik proaktiv anzunehmen, ist die Königsdisziplin.
Ich empfinde es als wichtig, bei aller Klarheit auch wertschätzend zu sein. Und zwar sowohl beim Geben als auch beim Nehmen. So baust du Brücken, anstatt welche einzureißen. Gutes Feedback zu geben und anzunehmen ist eine Kunst – und wer beides beherrscht, gewinnt.
7 Tipps, wie du Feedback gibst, das dein Gegenüber nach vorn bringt
Feedback so zu geben, dass es hilfreich ist, ist Übungssache. Du musst nicht immer ins Detail gehen. Und du musst auch nicht alle Aspekte benennen, die dir auffallen, sondern die wichtigsten. Fundiertes Feedback mit konkreten Verbesserungsvorschlägen ist immer gut.
Strategische Tipps, damit dein Feedback für andere nützlich ist:
- Schaffe einen geschützten Rahmen.
Gib dein Feedback der Person direkt, außer es ist ausdrücklich anders vereinbart. - Starte mit was Positivem, benenne, was gut ankommt.
Nur sagen, was nicht passt? Faul. Verstärke das Gute, indem du mit Lob à la „Mir gefällt, wie du …“ oder „Mich spricht es an, was du …“ startest.
Wenn es um Feedback geht, denken manche Menschen, dass Komplimente nur dazu da sind, die wirklich nützlichen Dinge abzumildern. Doch positive Bemerkungen bewirken mehr als nur, dass sich der Empfänger gut fühlt.
Wenn du jemandem sagst, was dir z. B. an seinem Blogartikel gefallen hat, kann er besser verstehen, was gut funktioniert. Das hilft dieser Person, das Ganze strategischer zu betrachten und nach Möglichkeiten zu suchen, diesen Aspekt ihres Textes weiter hervorzuheben. - Gehe vom Groben ins Feine.
Struktur kommt vor Inhalt. Wenn du viel strukturelles Feedback zu geben hast, fokussiere dich erst mal darauf und lasse den Inhalt außen vor. Ein zu langes Feedback kann dein Gegenüber erschlagen. - Sei ehrlich und direkt, aber auf eine nette Art und Weise.
Du willst keine destruktive Kritik üben, aber du willst eben auch vermeiden, wertvolle Ratschläge zurückzuhalten, um Gefühle zu schonen. - Sei konkret und präzise, mache Vorschläge.
„Das klingt komisch“ ist nutzlos und „Das habe ich gerne gelesen“ zwar schön, aber nicht hilfreich. Gib Beispiele, wie: „Zum CTA: Vielleicht wäre ‚Jetzt starten‘ statt ‚Los geht’s‘ klarer.“ Oder „Die Formulierung XY ist unklar, weil …“. - Setze die Zielgruppen-Brille auf.
Du bist nicht der User. Frage dich: Versteht es jemand, der das Produkt nicht kennt? - Checke deinen Tonfall immer wieder.
„Das ist schlecht“ killt jede Diskussion. „Ich habe mich hier gefragt, ob …“ öffnet Türen.
4 Tipps, um Feedback anzunehmen und verarbeiten
Feedback zu akzeptieren, kann schwer sein. Es ist eine Fähigkeit, die wir mit der Zeit entwickeln, so wir uns drum kümmern. Manche Tipps schmecken bitter, gerade konstruktive Kritik. Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber wenn mir jemand Feedback aus einem neuen Blickwinkel gibt, den ich bisher nicht bedacht habe, ist meine erste Reaktion manchmal: „Ach was, derjenige liegt falsch oder versteht es vielleicht nicht.“ Aber! Das sage ich nicht laut. Aus Erfahrung weiß ich: Ich liege möglicherweise falsch und im Feedback liegt möglicherweise ein Schatz, den ich heben darf.
Strategische Tipps, damit du Feedback leichter verdauen kannst:
Feedback ist nicht gleich Feedback. Manchmal ist es gehaltvoller, manchmal weniger. Und auch der Schreibstil kann variieren: Der eine fällt womöglich mit der Tür ins Haus, der andere redet um den heißen Brei. Wenn du um Feedback bittest, bist du in erster Linie mutig, dich darauf einzulassen. Vergiss das nicht.
- Nehme es nicht persönlich: Dein Text ist nicht dein Baby. Babys brauchen Liebe, Texte konstruktive Kritik.
- Lasse es sacken: Spontane Ablehnung ist normal. Gib dir 24 Stunden und schau dann noch einmal drauf.
- Analysiere und entscheide: Nicht jedes Feedback ist Gold wert. Wenn du gute Gründe hast, etwas zu lassen, wie es ist – fein.
- Eine letzte Sache: Sei dankbar. Feedback zu geben, kostet Zeit und Hirnschmalz. Keiner kritisiert in böser Absicht. Auch wenn du gar nichts davon umsetzt, ein „Danke für deinen Input“ zeigt, dass du es wertschätzt. Und das motiviert dein Gegenüber fürs nächste Mal.
Den letzten Punkt finde ich besonders wichtig. Wer schweigt oder sich mit einem saloppen „Schaue ich mir später an.“ aus der Affäre zieht, steht eines Tages vielleicht ohne Feedback da. Ein gutes Feedback zu formulieren, benötigt Zeit. Diese nimmt sich dein Gegenüber vermutlich kein 2. Mal, wenn beim 1. Mal keinerlei Reaktion erfolgte. Stattdessen erntest du in Zukunft womöglich nur noch ein generisches Pseudo-Feedback à la „Ja, prima.“ Auch im Kontext Team und Zusammenarbeit kann Schweigen Gift sein und zum Bruch führen.
Im Hinblick auf Führungsstärke trennt sich beim Thema Feedback geben und annehmen die Spreu vom Weizen. Die angemessene Kritik geben zu können und die eigene Kritikfähigkeit sind primär eine Frage der Reife.
Und was du mit positivem Feedback machst, ist klar, oder? Genieße es wie ein Geschenk.
Warum konstruktives Feedback für dein Business entscheidend ist
Gutes Feedback verbessert nicht nur Texte und Buttons, sondern hat einen direkten Einfluss auf den Erfolg eines Produkts. Wenn ein Blogartikel nicht klar ist, klickt der Leser weg. Wenn ein User nicht versteht, wohin er klicken soll, springt er ab. Wenn ein Call-to-Action nicht eindeutig ist, leidet die Conversion. Wenn die Navigation zu komplex ist, sinkt die Nutzerzufriedenheit. All das kann durch Feedback aufgedeckt werden – bevor es echte Nutzer frustriert.
Außerdem zeigt konstruktives Feedback Schwachstellen im Text auf, die du selbst oft nicht siehst. Denn dein eigener Blick ist geprägt von Annahmen, die für dich selbstverständlich sind – aber nicht für deine Leser bzw. Nutzer. Jedes Stück Feedback ist eine Chance, deinen Text bzw. Produkt intuitiver, klarer und überzeugender zu machen. Wer sich dem verschließt, verbessert sich nicht und bleibt hinter seinen Möglichkeiten zurück. Auch als Business.
Wer nicht will, bleibt stehen?
Den perfekten Text gibt es genauso wenig wie die perfekte Landingpage oder den perfekten Kurs. Dennoch gibt es Menschen, die sich gegenüber konstruktivem Feedback sperren. Oder sich auf ihrem – vermeintlichen? – Podest ausruhen.
Kürzlich habe ich nach einem Kurs das Folgende erlebt: Im Nachgang wurde dies und das gefragt, aber im Formular war keine Möglichkeit vorgesehen, konstruktive Kritik zu geben. Da ist eine Gelegenheit liegengelassen worden. Denn wer, wenn nicht die mit den frischen Augen, können treffsicher Lücken und Schwachstellen aufspüren? Ist es vergessen worden? Vielleicht war es die Angst vor der Rückmeldung? Keine Ahnung. Aber es war komisch.
Blick über den Zaun: Wie UX-Feedback in Tech-Teams abläuft
Was ist beim UX-Feedback anders als beim klassischen Text-Feedback?
Beim klassischen Text-Feedback steht der Text selbst im Mittelpunkt – man prüft Stil, Grammatik, ob sich der rote Faden konsequent durchzieht, Verständlichkeit.
UX-Feedback dagegen schaut auf die Funktion des Textes im System: Versteht der User, was er tun soll? Passt der Button-Text zur Aktion? Ist er an der richtigen Stelle im Interface? Hier wird nicht nur sprachlich, sondern auch strategisch gedacht. Man fragt: Erfüllt dieser Text seinen Zweck im Zusammenspiel mit Design, Funktion und User Flow? Das geschieht in enger Zusammenarbeit im Team und ist ein iterativer Prozess.
UX-Feedback ist also weniger „Lektorieren“ und mehr „gemeinsames Problemlösen“.
Wenn du bloggst, schreibst du erst mal. Dann polierst du. Dann bittest du vielleicht jemanden, drüberzulesen. Feedback ist optional – und kommt spät.

In der Produktentwicklung funktioniert das nicht. Hier bist du als UX Writer Teil der fortlaufenden Entwicklung des Produkts. Du schreibst nicht in deiner Schreibstube, sondern gewissermaßen mitten im Getriebe: Während Entwickler Features bauen und Designer Interfaces gestalten, lieferst du Microcopy, Fehlertexte, Menülabels – Stück für Stück, oft tagesaktuell.
Feedback? Kommt hier nicht „am Ende“, sondern sofort und engmaschig. Direkt vom Designer, der fragt: „Wo wäre die sinnvolle Platzierung für diese Infobox?“ Oder vom Dev: „Kannst du das kürzen, sonst bricht’s in der mobilen Ansicht?“ Oder vom Produktmanager: „Das klingt nett, aber verstehen unsere Nutzer das wirklich?“

UX-Feedback ist Teil des Entwicklungsprozesses. Kein Feinschliff am Schluß, sondern funktionales Sparring beim Tun. Es geht nicht darum, ob dein Text hübsch klingt. Sondern ob er im Interface funktioniert.
Und du, als UX Writer? Reagierst schnell, iterierst ständig, gibst und bekommst Feedback in Slack-Threads, Figma-Kommentaren oder direkt im Daily. Der Text lebt – genau wie das Produkt.
Warum Feedback allen Beteiligten hilft
Was wir oft vergessen: Feedback ist keine Einbahnstraße. Nicht nur derjenige, der es bekommt, wächst daran – auch derjenige, der es gibt. Denn wer gutes Feedback formuliert, muss sich intensiv mit einem Text bzw. Details im Produkt auseinandersetzen, Schwächen erkennen und Verbesserungsvorschläge klar begründen. Das ist Textarbeit auf höchstem Niveau.
Wer regelmäßig Texte anderer analysiert, schärft sein eigenes Sprachgefühl, trainiert Klarheit und entwickelt ein Gespür für Nutzerperspektiven.
Ich habe mal ein Tech-Buch redigiert und dabei festgestellt: Beim Überarbeiten der Texte anderer hinterfragt man automatisch auch die eigenen Schreibgewohnheiten. Plötzlich musste ich erklären, warum eine Formulierung unklar ist oder ein Abschnitt neu strukturiert werden sollte – Dinge, die ich in meinen eigenen Texten oft intuitiv entscheide. Am Ende hatte nicht nur der Autor ein besseres Manuskript, sondern ich hatte selbst enorm viel über präzises Schreiben und verständliche Sprache gelernt.
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* WordPress, zum Beispiel
Gutes Feedback zu geben, ist Übungssache
Kaum jemand ist von Natur aus ein Feedback-Profi, weder im Geben noch im Nehmen. Doch es ist wie mit einem Muskel: Je mehr du es übst, desto mehr entwickelt sich die Fähigkeit. Und wenn du es schaffst, Feedback als festen Teil deines Workflows zu etablieren, dann wird nicht nur dein Text, analytische Fähigkeit und Art zu kommunizieren besser. Auch das Produkt selbst und das Miteinander profitieren davon.

Hast du Fragen zum Inhalt? Was war dein denkwürdigstes Feedback-Erlebnis? Teile deine Gedanken gerne unten in den Kommentaren.
Bilder: privat, Figma







2 Kommentare zu „Feedback zu Text und UX: 11 Tipps, wie du es klug gibst und nimmst“
Hallo, was für ein spannender Artikel! Ich musste erstmal UX Writing recherchieren, aber dann machte es alles für mich totalen Sinn! Dein Artikel gefällt mir sehr gut und auch die Betonung auf das Wertschätzende teile ich mit dir. Danke für diesen klar strukturierten Text!
Lieben Dank für die warmen Worte, Fidi. Schön, dass dich UX Writing gleich gepackt hat. Ironie des Schicksals, dass das Thema UX erklärungsbedürftig ist … ich brenne dafür.