Ich lese kaum noch Krimis. Und auch Bücher stapeln sich bei mir eher auf der Merkliste als auf dem Nachttisch. Und trotzdem wusste ich bei Susanne Pohls Blogparade Mein liebster Krimi sofort, wer mein Lieblingskrimi-Autor ist. Genauer gesagt: mein Lieblingsdetektiv.
Ich jobbte im Studium nebenbei, und da war einer im Team, der hatte einen Narren an diese Figur gefressen. Er steckte mich damit an und was haben wir danach bei der Arbeit gelacht.
Inspektor Morse, Oxford, Opern, mal Bier, mal Whiskey – und fertig ist das Setting.
Warum ausgerechnet Inspektor Morse?
Inspektor Morse ist keine Figur, der man sofort verfällt. Er ist ein Einzelgänger mit Schwächen und Eigensinn. Er trinkt gerne Ale, fährt einen alten Jaguar und hört Klassik, insbesondere Wagner in all dieser Komplexität. Er denkt gerne um die Ecke, Technik hasst er und Smalltalk genauso. Stattdessen löst er seine Fälle mit messerscharfem Verstand und einer ordentlichen Portion Arroganz. Klingt unsympathisch? Ist er manchmal auch. Aber zugleich auch verletzlich und menschlich. Diese Mischung macht ihn für mich so faszinierend.
Colin Dexter, der Autor, hat mit Morse keinen Haudrauf-Helden erschaffen, sondern einen Antihelden mit Haltung. Einer, der lieber schweigt als schwafelt. Der lieber zuhört als drauflos ermittelt. Oft grantig, gerne besserwisserisch und immer wieder ziemlich unfair zu seinem Assistenten Lewis. Um sich dann wieder unerwartet nahbar zu zeigen, wenn er mit ihm spricht. Mit einer unterschwelligen Wärme, die ahnen lässt, dass er eigentlich ein richtig feiner Kerl ist. Vielleicht.
Zwei seiner Bücher stehen noch heute im Regal: The Riddle of the Third Mile und The Jewel that was Ours. Beide überlebten sämtliche Ausmist-Aktionen. Und heute hat es mich richtig gefreut, sie wieder aus dem Regal ziehen zu können.
Was Morse mit meinen Ferien an der Themse zu tun hat
Was mich bei Dexter damals so gepackt hat, war nicht nur Morse als Figur …
Es war das ganze Setting. Oxford, diese traditionsreiche Elfenbeinturm-Stadt liefert die perfekte Bühne. Das Zusammenspiel der akademischen Atmosphäre, historischen Architektur und den Kneipen könnte nicht konträrer sein und schafft einen dynamischen, unverwechselbaren Hintergrund für die Kriminalfälle.
Und dann die Sprache. Gebildet, manchmal altmodisch, aber immer präzise. Ich habe sie im englischen Original gelesen. Die Krimis sind keine klassischen Whodunits, sondern psychologische Rätsel voller Wortspiele, literarischer Anspielungen und pointierter Dialoge. Und auch feine Ironie. Die Motive sind komplex, auch Morse bleibt ein Rätsel. So etwas liebe ich.
Und schließlich: Henley-on-Thames. Ich gehöre eigentlich zu denen, die lieber lesen als schauen. Aber hier ist es anders. Die Serie wurde nicht nur in Oxford gedreht, sondern auch entlang der Themse, auch in Henley. Ein Ort, an dem ich als Kind oft bei den Großeltern Ferien gemacht habe. Ein typisch englisches Städtchen, bildhübsch, vertraut. Und mit vielen warmen Erinnerungen verknüpft.

Die UX-Detektivin in mir
Wenn ich heute auf meine Arbeit als UX Writer blicke, merke ich: Vieles, was mich an den Krimis fasziniert, begegnet mir auch im Berufsalltag. Es geht darum, Hinweise zu deuten, Probleme aufzuspüren, Lücken zu erkennen und für Klarheit zu sorgen.
Was UX eigentlich ist? Das erkläre ich hier:
UX-Detektivin, das beschreibt einen Teil meiner Arbeit ziemlich gut. Denn neben dem Schreiben untersuche ich Nutzerverhalten und decke Stolperstellen auf, die nicht sofort ins Auge fallen. Nicht, weil ich UX-Research studiert hätte. Sondern weil ich so gestrickt bin, dass ich hinschaue. Erst in der Wissenschaft, dann als Therapeutin und heute im Bereich UX. Ich sammele Fakten, beobachte genau, analysiere, was nicht funktioniert und verbessere, damit Nutzer leichter ans Ziel kommen.
Auf Websites oder Apps ist der Absprung im übertragenen Sinn die Leiche. Damit meine ich das abrupte Verlassen einer Seite. Und dann beginnt die Suche: Woran liegt es? An der Wortwahl? Am Layout und Design? An der Informationsarchitektur? An einem Button, der nicht hält, was er verspricht? Wie bei der Detektivarbeit geht es darum, Zusammenhänge zu erkennen und ein Gesamtbild daraus zu machen.
„Mein innerer UX-Detektiv ist gewissermaßen ständig auf Streife“, so formulierte ich es kürzlich in diesem Artikel:
Das ist übrigens mein Beitrag zur eigenen Blogparade Was schreibst du, und warum? Endspurt! Sie läuft noch bis Sonntag, den 22. Juni. Mach mit, wenn dich das Thema lockt, ich freue mich!
Was haben UX Writer und Detektive sonst noch gemeinsam?
Manche Parallelen zwischen UX Writing und Detektivarbeit liegen auf der Hand. Andere zeigen sich erst beim zweiten Hinsehen. Und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr Parallelen fallen mir ein. Hier ein paar Gemeinsamkeiten:
- Empathie: Beide müssen sich in andere hineinversetzen, um ihr Verhalten zu verstehen.
- Objektivität: Nicht vorschnell urteilen, sondern beobachten, prüfen, einordnen.
- Systematik: Gute Fragen stellen, Daten sammeln, auswerten.
- Dokumentation: Alles festhalten, was später wichtig sein könnte.
- Interviewtechniken: Offen fragen, zwischen den Zeilen hören, gezielt nachbohren.
Klingt überraschend nah dran? Ist es auch. Gute UX braucht detektivisches Gespür und manchmal eine ordentliche Portion Geduld, um die richtigen Spuren zu finden und zu deuten.
Fazit: Spuren lesen, Klarheit schaffen
Rückblickend wundert es mich nicht, dass ich an einem Detektiv hängen geblieben bin. UX war für mich damals kein Begriff, aber etwas in mir wollte schon immer verstehen, warum Dinge passieren und wie sie zusammenhängen. Und beobachten, aufdecken, gezielt analysieren und auflösen. All das begleitet mich bis heute.
Die Figur Morse zeigt, dass man mit Geduld, Haltung und einem scharfen Blick mehr erreicht als mit Tempo oder Tamtam. Genau das ist heute Kern meiner Arbeit als UX Writer.
Was soll ich sagen: Cheers, Morse. Auf dich.

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3 Kommentare zu „Was UX Writing mit Detektivarbeit gemeinsam hat“
Pingback: Acht Lieblingskrimis - Wrap up meiner Blogparade: Mein liebster Krimi - Susanne Pohl
Liebe Inge,
vielen herzlichen Dank für deinen persönlichen und humorvollen Beitrag zu meiner Blogparade.
Inspektor Morse kannte ich noch nicht, aber das werde ich auf jeden Fall ändern. Der Typ klingt, als würde er mir gefallen.
Die Verbindung zwischen UX Writing und Detektivarbeit finde ich spannend und clever. Und so wie du das beschrieben hast auch ganz logisch.
Mit kriminell herzlichen Grüßen
Susanne
Hallo liebe Susanne,
ich habe zu danken. Deine Blogparade war eine tolle Gelegenheit, die Zeit als Studentin zu reflektieren und dabei den Bogen zu heute als UXler zu spannen.
Inspektor Morse ist sicher nicht jedermanns Sache. Manche finden ihn sicher furchtbar, ich finde ihn zum Piepen. Bin gespannt, wie du ihn so erlebst.
Herzliche Grüße
Inge