Es gibt Gewohnheiten, die man sich fest vornimmt. Und es gibt solche, die sich einschleichen und dann still und leise das Leben umkrempeln. Mit dieser einer war es bei mir Letzteres. Ich wollte einfach meinen Tag mit etwas Gutem beginnen. Nicht direkt beim Teetrinken aufs Handy schauen. Nicht sofort in den Kopfzirkus stolpern. Dass mich genau das zum UX Writing führen würde, ahnte ich nicht.
Damals hatte ich eine eigene Praxis. Ein ganz anderes berufliches Umfeld. Aber ich war neugierig auf Routinen, die Klarheit bringen. Und irgendwann hielt ich ein Buch in der Hand, das damals schon ein Klassiker war: The Artist’s Way* von Julia Cameron. Eine ihrer zentralen Empfehlungen darin sind die sogenannten Morgenseiten.
Ilke Paul stellt in ihrer Blogparade die Frage: Hast du schon mal eine neue Gewohnheit angefangen, die weitreichende Folgen hatte? Und das ist die perfekte Gelegenheit, diese Geschichte aufzuschreiben.
Was sind Morgenseiten?
Die Übung ist simpel, aber wirksam. Man schreibt jeden Morgen 3 Seiten per Hand, ohne Anspruch, ohne Ziel. Alles, was im Kopf ist, kommt aufs Papier: Gedanken, Zweifel, To-dos, Wut-Tiraden, Banalitäten. Unzensiert und ohne Rücksicht auf Stil oder Logik. Ohne Bewertung und vor allem ohne Unterbrechung.
Das heißt: 3 vollgeschriebene DIN-A4-Seiten, jeden Tag, entlang des eigenen Bewusstseinsstroms. Und wenn man nichts zu schreiben weiß, notiert man eben „Ich weiß nicht, was ich schreiben soll“, bis einem wieder etwas einfällt.
Ich fing an. Nicht forciert oder im Überschwang, sondern eher so: „Klingt simpel, probier ich mal.“ Die ersten Tage fühlten sich an wie inneres Entlüften. Alles raus. Dann kamen die langweiligen Phasen. Zäh wie Kaugummi. Und trotzdem schrieb ich weiter. Und merkte: Irgendetwas tut sich.
Kreatives Denken braucht Raum
Was mich am meisten verblüffte: Plötzlich flogen mir bei anderen Projekten wie aus dem Nichts Ideen und Formulierungen zu. Der tägliche „brain dump“ schaffte offensichtlich Platz für Neues, für Kreatives, für Klarheit. Was anfangs wie eine banale Gewohnheit wirkte, wurde zum Kickstart für Gedanken, die mich nachhaltig veränderten. Es ist auch eine geniale Übung im Loslassen. Denn das Ziel ist ja nicht Prosa, sondern das flotte Herunterschreiben. Vieles von dem, was ich heute umsetze, verdanke ich dieser Übung. Erst wenn etwas draußen ist, kann es verfeinert oder verworfen werden.
Im Rückblick war das der stille Anfang meines beruflichen Wandels. Ich schrieb morgens und fand dabei zu einer neuen Form des Denkens und Ausdrucks. Was erst banal geklungen hatte, entpuppte sich beim Tun zunehmend als echtes Power-Paket.
Der leise Startpunkt fürs UX Writing
Ich hatte zuvor schon Journale gefüllt, Gedichte geschrieben, Träume notiert. Aber hier war etwas anders. Durch das unzensierte Runterschreiben klärte sich vieles wie von selbst. Ich sah, was wichtig war und was nicht. Und plötzlich stand da im Raum: Ich kann schreiben. Nicht nur für mich. Sondern auch so, dass es funktioniert. Dass es auf den Punkt kommt.
Das war für mich nicht selbstverständlich. Jahrelang glaubte ich, ich könne nicht auf Deutsch schreiben. Umso überraschender, wie spielerisch Sprache plötzlich wurde. Ich hatte Lust, mit Formulierungen zu experimentieren. Und ich merkte: Ich will die Praxis schließen. Ich will mich beruflich neu ausrichten.
Ich stellte das Schreiben in den Mittelpunkt, bildete mich weiter, schrieb erste Texte. Erst als Online-Redakteurin, dann als Texterin, gelegentlich auch als Übersetzerin. Ich dachte, ich würde über Psychologie, Medizin oder Phytotherapie schreiben. Doch das Leben hatte andere Pläne. Angebote aus der Tech-Welt kamen von allein. Und irgendwann begegnete mir UX Writing. Wieder war es ein Buch, das den Impuls gab: Don’t Make Me Think* von Steve Krug.
Mit der Gewohnheit fand sich der rote Faden
Der Mensch stand wieder im Zentrum, nur diesmal nicht therapeutisch, sondern digital. Denn UX Writing ist nichts anderes als Klartext im Dienste der Benutzerfreundlichkeit. Sprache, die führt, unterstützt, erklärt. Keine Werbetexte, sondern Orientierung. Sprache, die im Idealfall gar nicht auffällt, weil sie genau das tut, was sie soll.
Und genau dafür war ich durch die Morgenseiten erstaunlich gut trainiert. Nicht, weil ich es geplant hätte. Sondern weil ich gelernt hatte, Gedanken zu sortieren. Erst mal alles raus, dann streichen, kürzen, schärfen. Keine große Disziplin, aber ein klarer Prozess. Der innere Kritiker hatte Pause, die Hand schrieb.
Früher dachte ich: Ein Text muss sitzen, wenn ich ihn schreibe. Heute weiß ich: Erst kommt das Chaos. Dann die Klarheit.
Keine strenge Gewohnheit, aber ausgesprochen nützlich zu wissen
Manche halten mich für diszipliniert. Ich sehe das anders. Ich habe oft ausgesetzt, ganze Wochen, manchmal Monate. Aber ich bin immer wieder zurückgekehrt. Und vielleicht ist genau das die eigentliche Kraft dieser Gewohnheit: Sie funktioniert nicht über Strenge, sondern übers Tun zum richtigen Zeitpunkt. In dem Moment, in dem sie wieder passt.
Ich musste nichts leisten. Ich durfte einfach loslegen. Und manchmal, mitten auf Seite 2, kam eine Lösung, die ich am Vortag verzweifelt gesucht hatte. Heute schreibe ich beruflich Texte, die möglichst schnell verständlich sein sollen. Tooltips, Buttons, Microcopy. Die kleinen Texte, die darüber entscheiden, ob eine Website, Online-Shop oder App intuitiv ist oder verwirrend.
Diese Klarheit kommt nicht aus Lehrbüchern. Sie kommt aus dem täglichen Ringen mit den eigenen Gedanken. Unter anderem eben auch aus den Morgenseiten.
Fazit: Warum ich diese Gewohnheit nie ganz loslasse
Ich schreibe heute nicht mehr jeden Tag 3 Seiten. Aber ich kehre immer wieder zurück, wenn es laut wird im Kopf. Die Morgenseiten bringen mich zurück zu dem, was da ist.
Und sie erinnern mich daran: Gute Schreibe beginnt nicht mit perfekten Sätzen. Sondern mit dem Mut, erst mal alles rauszulassen, auch wenn es nicht perfekt ist.

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Bilder: privat, Canva
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2 Kommentare zu „Wie eine scheinbar banale Schreibroutine mich zu UX Writing führte“
Liebe Inge, das ist ja total spannend! Einfach mal was ausprobiert, und dann kam so eine krasse Neuausrichtung dabei raus… Bei mir war das tatsächlich ähnlich mit der Neuausrichtung ;-). Vielen Dank für den schönen Beitrag zu meiner Blogparade! Deine Klarheit finde ich absolut genial.
Liebe Grüße von Ilke
Wie schön, dass dich der Beitrag so angesprochen hat, liebe Ilke! Und wie interessant, dass es bei dir eine ähnliche Neuausrichtung gab. Im Rückblick wirkt vieles gradliniger, als es sich unterwegs angefühlt hat. Viel Ausprobieren, viele Schleifen, viele „shitty first drafts“ – und immer wieder das Herantasten an die Klarheit, die erst beim Überarbeiten entsteht.
Gerade deshalb freut mich dein Feedback besonders. Genau daran arbeite ich. Und lass immer wieder großzügig los, um das Wesentliche zu schärfen.
Danke dir für deine lieben Worte und fürs Raumgeben mit deiner Blogparade!
Herzliche Grüße
Inge